Dinge kommen zu einem Ende

Oder: Ernsthaft? Aber wo ist denn nur deine Quellenangabe?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich das erste Mal mit dem Namen Colin Batley konfrontiert wurde. Ich wollte all die Anschuldigungen ihm gegenüber nicht glauben. Zu der Zeit war ich Novize in der deutschen Sektion des Iot und ich geb zu, ich war geblendet vom Ruf des Pakts und von einzelnen Mitgliedern, die mir zuvor unter anderen Umständen begegneten und die mich enorm inspirierten, ich war verliebt in meinen (ersten) Mentor und er in mich (zumindest eine Zeit lang). Ich wollte nicht einmal die Anschuldigungen gehört haben. Dennoch trieb es mich vorwärts, ich wollte, ich musste wissen, was geschehen ist. Ich bin schließlich auch Mutter und ich konnte doch mein eigen Fleisch und Blut in keinster Weise gefährden. Also las ich den Blog von Nathaniel J. Harris. Immer und immer und immer wieder. Manche Beiträge über ein Dutzend mal. Und nein, das lag nicht ausschließlich an meinem schlechten Englisch. Ich recherchierte. Ich fragte meinen (zweiten) Mentor danach und wechselte. Ich fragte meinen (dritten) Mentor danach und war raus. Wie antwortete der Dritte so schön auf meine Frage, wie die deutsche Sektion mit dem Fall umgeht und welche Maßnamen sie ergreift, damit solche Gräultaten nicht mehr geschehen können? Ach ja, er sagte: „Das ist für uns alle kein Thema.“ Wie konnte das kein Thema sein? Wie konnten die Mitglieder nicht alle wild und Arme wedelnd, schreiend und kreischend, im Kreis rum rennen, schimpfend und wütend und weinend und fluchend – zumindest innerlich?

Ich schwor mir, dass ich so einen Verein nicht bräuchte. Dennoch vermisste ich die Möglichkeit, mit anderen zu praktizieren, mit einer größeren Anzahl ernstzunehmender Magier, mit praktischer Erfahrung, zu kommunizieren, auf Augenhöhe. Über ein Jahr später beschloss ich also, mich noch ein letztes Mal vorzuwagen. Ich schrieb meinen damaligen dritten Mentor an (Wir waren beide bereits mehrere Jahre im selben Forum aktiv.) und hakte subtil nach, ob sich im Bezug auf diese eine Frage etwas geändert habe. Ich ging zu einem offenen Tempeltreffen am anderen Ende Deutschlands, damit mich auch ja keiner erkennt (Was ziemlich naiv war, zumal mein ehemals zweiter Mentor in die Gegend zog und auch zugegen war.), um auch da nachzuhaken. Kein Funke einer Präsenz diesen Themas, selbst nach dem Schwänken von Zaunspfählen. Folglich blieb mir nur eines: Lebwohl sagen. Kein zurück mehr. Wenn es doch nur so einfach ginge. Ich wollte dazugehören und ein Teil von mir will es noch immer. Ich fühlte mich noch immer verbunden.

Nun las ich die Worte eines Mannes, auf die zu vertrauen ich vor einiger Zeit lernte. Die Information ist nicht einmal neu. Er erstellte den Beitrag vor über zwei Monaten. Trotzdem traf es mich wie ein Schlag: Illuminates of Thanateros – Defunct. Was mach ich damit? Wo hast du das her? Ich würde Harris selbst fragen, hätte ich nicht so nen Bammel davor, ihm auf die Füße zu treten, nach all den Anfeindungen, die er erdulden musste und muss. Aber ich wäre nicht ich, könnte ich mir nicht selbst Antworten geben, egal wie schmerzlich ich Quellenangaben vermisse. Was bleibt nun? Meine augenblicklichen Freudenschreie: „Ich fühle mich endlich frei. Ich nähre euch nicht mehr, nicht mal mehr ein kleines bisschen.“? Die Melancholie, dass etwas Großes vorbei ist? Die Reue etwas verpasst zu haben? Viele Fragen um die Weshalbs und Inwieweits? Ich werd’s sehen.

 

Über Aufzeichnungen und das Herauswachsen aus (eigenen) Paradigmen

Ein ungeschriebenes Gesetz in der Magie scheint zu sein, seine Experimente und Gedanken darüber täglich aufzuzeichnen; oft wird das auch als Nachbearbeitung in der Anleitung eines Zaubers genannt. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Aufzeichnungen mehrheitlich nur zu diesem Zweck geführt werden, aber ich kann mich vage an ein paar Gespräche erinnern, in denen mein jeweiliger Gesprächspartner anmerkte, er wolle irgendwas in ihnen nochmal nachlesen. Ich selbst habe lediglich in meinen ersten vier Jahren praktischer Magie selbst Aufzeichnungen geführt. Es hat mir weder bei der Nachbearbeitung geholfen, noch habe ich jemals irgendetwas nachgelesen. In Anbetracht dieses nicht vorhandenen Nutzens habe ich mich dazu entschlossen, es ganz einfach zu lassen. Jetzt könnte der Einwand kommen, dass ich doch sicherlich mal etwas wiederholen möchte und ich mir mit dieser Einstellung die Möglichkeit tieferer Einblicke verbaue.

Doch muss ich tatsächlich dazu alles aufzeichnen, mit dem Kopf durchkauen, was ich intuitiv tat? Ist diese Vorgehensweise nicht gerade ein Ausschluss für ‚tiefere Einblicke‘? Ich möchte nicht daran erinnert werden, was ich zauber(t)e, nicht nur weil ich dadurch effektiver bin, sondern auch weil es so weniger Wechselwirkungen zwischen Zaubern gibt und weil ich dadurch bei Fehl- und (Zu)Rückschlägen weniger angreifbar bin. Zudem möchte ich nicht dazu verleitet sein, einfach nur zu wiederholen. Ich verändere mich doch jeden Tag ein wenig, jeden Tag verändert sich mein persönlicher Zugang zur magischen Praktik: Was nutzt es mir also zu wissen, in welchem kleinsten Detail ich vor zwei, vor vier oder vor acht Jahren dachte? … Was nutzt es euch?

Sarasvati – Lass uns mit deiner Milch nicht zu kurz kommen.

In Strömungen des Hinduismus ist es Brauch, mindestens einmal im Leben zum Ganges zu pilgern. Dort wäscht man sich im Zusammenfluss mit Yumana und dem nur in der Mythologie existierenden Strom Saraswati, um sich von der eigenen Schuld zu reinigen.

Die Flüsse Ganges und Yumana nachzubilden sind ein Leichtes, zumal durch den Wasserkreislauf jeder Tropfen Wasser verbunden ist. Welcher floss nicht schon einmal durch eines dieser beiden Flussbecken? Also einfach des Wasserhahn oder die Dusche anstellen. Weitergedacht besteht der Mensch aus irgendwas um die 70% Wasser. Es zirkuliert auch durch den Blutkreislauf und langsamer durch den Stoffwechsel durch den eigenen Körper. Um den Strom Saraswati nachzubilden kann man beispielsweise die Göttin Sarasvati nutzen oder umgedacht jede in der Bedeutung vergleichbare Göttin oder weiblische ‚Urkraft‘. Sie könnte invoziert werden oder, wenn man energetisch arbeiten möchte, gezielt durch/ um einen geleitet werden.

Ich glaube nicht, dass ein darauf basierender Zauber tatsächlich Schuld tilgt, aber er kann helfen, zu den Konsequenzen seiner Taten zu stehen anstatt den Kopf in den Sand zu stecken.

Kirschblütenschleier

Manchmal ist es einfach nicht fair, was im Leben passiert; auch wenn ich oft das Gegenteil hörte, man bekommt von der Welt nicht das, was man braucht. Oft verlangt sie sogar mehr als man geben kann.

Für einem Menschen in genau dieser Situation führte ich den folgenden Zauber durch.

Ich begann damit, mich durch Tanz in Trance zu begeben. Dann invozierte ich Alpan. [Ich mag Alpan sehr. Sie ist eine Mahnung daran, dass zum Leben alle Höhen und Tiefen gehören. Dass wir nicht das eine ohne das andere haben können. Dass wir alle sterblich sind, dass nichts von uns den Tod überdauert, aber das Leben dadurch unendlich ist, dass es immer neu entsteht. Sie lehrte mich viel über das Ertragen des Scheiterns, über das Genießen der Höhenflüge und die Notwendigkeit zu dem zu stehen, was man tat oder verpasste zu tun; über die Liebe und den Tod.] Dann konzentrierte ich mich auf das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, auf das Gefühl persönlicher Stärke, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren. Schließlich visualisierte ich Kirchblütenblätter, die diese Gefühle überragen sollen. Ich ließ sie zu ihr schweben, sich auf ihre Haut legen [Ich zauberte extra nachts, damit sie schläft und ich mir das 1. besser vorstellen kann und 2. es besser in ihr wirken konnte], dort schmolzen sie und wurden von ihrem Körper absorbiert und zu einem kleinen Teil jeder ihrer Körperzellen. Dann versuchte ich diese Verteilung als Schleier zu erkennen, der in ihr und über ihrem Schmerz liegt.

Wie bleibt man Chaoist?

Wenn ich darauf angesprochen wurde, was denn mein Glaubenssystem sei oder gar, dass es unerlässlich sei, an diesem zu arbeiten, reagiere ich in der Vergangenheit mit Unverständnis. Ich behauptete dann, dass ich ein solches für mein magisches Tun nicht benötige. Schließlich proklamierte ich stets die Unfähigkeit der Menschen, über Transzendentes Aussagen zu treffen. Die Welt bleibt, wie sie ist, egal von welcher Seite ich sie betrachte. Nur können diese Betrachtungsweisen eben Hilfsmittel sein. Aufgrund dieser Überzeugung war es für mich notwendig (und zum Teil erdend), Paradigmen zu wechseln. Ich wollte frei sein, nicht eingefahren in ein System, nicht stur, nicht wertend und intolerant. Nicht elitär. Ich möchte noch jetzt frei sein und doch führten mir einige Geschehnisse den Spiegel vor die Augen. Ein Freund meinte mir gegenüber, dass ich ‚die Beeinflussungsversuche‘ unterlassen solle. Es kränkte mich weniger, dass er glaubte, ich würde ihm gegenüber von ihm beschriebene Techniken verwenden. Was an mir nagte, war seine implizite Annahme, ich würde überhaupt besagte Techniken verwenden. Bald darauf erschien ein Podcast (Pagan Chaos Magic episode 28), der mich vollends ins zweifeln brachte, ob das hier alles noch meine Welt ist. In meinem Lieblingsforum (Magie-com) ignoriere ich schon seit einiger Zeit Leute, die beispielsweise behaupten, mit Engeln oder Dämonen zu arbeiten, ein Otherkin zu sein oder lehrmeistermäßig über Energiearbeit, Planetenmagie oder gar die Kombination von beidem schwadronieren. Darüber hatte ich bis dahin nicht reflektiert.Ich bin mir selbst jetzt nicht sicher, ob ich die Themen ignoriere oder die Menschen. Doch wenn ich mir meine Arbeiten der letzten Monate durchschaue, sehe ich eine Tendenz. Glaube ich tatsächlich noch daran, dass magische Praktiken außerhalb meiner Psyche wirken könnten? Wurde mir nicht bereits vor diesem möglichen Wandel gesagt, dass meine Arbeiten nach Verhaltenstherapie aussehen? Tendierte ich folglich schon länger oder gar immer zum psychologischem Modell von Magie? In Ermangelung einer Antwort auf diese Fragen, drehen sich meine Gedanken um andere Magier, wie ihr Weg scheinbar war. Ich erinnere mich an einen Chaoisten, der sich noch immer als solcher bezeichnet, aber im Grunde nur damit beschäftigt ist, fleißig sein Ego aufzulösen mit angeblich einigen anderen, die sich ebenso noch als Chaoisten sehen; dabei äußert er zu gern Floskeln wie „Vor acht Jahren sah ich das genauso wie du“ und scheint sein Gegenüber immerzu bekehren zu wollen, indem er z.B. Zuneigung durch Kundalinienergie zu erklären versucht. Ich denke an einen Magier, der von der Welt desillusioniert scheint. Ich halte ihn für einen Nihilisten, der sich nur noch mit anderen Chaoten abgibt, um sie straucheln zu sehen und ab und an, wenn jemand als würdig genug scheint, lenkend einzugreifen. Ich denke an eine Getriebene, von der ich glaube, dass sie sich einfach nicht festlegen möchte, weder in der Magie, noch im Berufsleben, nicht was Beziehungen angeht, oder das Bett. Wenn sie irgendwann ihre Ecke gefunden hat, wird sie sich dann noch Chaoist nennen? Ich frage mich, ob wir nicht alle ein wenig sind wie sie. Wir gehen in Coven und lassen uns dort ausbilden oder machen aus dem Inhalt von Kinderbüchern eigene Paradigmen, aber legen uns doch nicht wirklich fest. Oder tun wir genau das doch? Ist chaosmagisches Vorgehen eine Entscheidung oder die Reise hin zu einer Entscheidung?

Darf ich das nochmal formulieren?

Wahrscheinlich ist diese Formulierung nur ein angestaubter Running Gag, nichts desto trotz greift er meine Gedanken zu den letzten Wochen aussagekräftig auf.

Es ist kein Geheimnis, dass ich von Willenssätzen nichts halte. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Welt (und vor allem ich) viel zu kompliziert ist als dass ich fähig wäre ein Ziel/ ein Wunsch/ eine Hoffnung in einen Satz zu legen, ohne dass es von unterschiedlichen Ebenen/ Rollen/ Anteilen meiner Persönlichkeit unterschiedlich interpretiert werden könnte. Meine Lösung darauf war es, meine Ziele abstrakt zu halten, viel klarer allerdings meine Gefühle bei deren Verwirklichung. Nun kennt allerdings auch keiner sich so gut, dass er perfekt voraussagen könnte, wie er reagieren wird. Besonders während meiner Experimente zu ‚Grün für den Bus‘ [‚Instant Magic‘ von Frater Fux auf dem XIQUAL- Blog] fiel mir auf, wie vielschichtig eine alltägliche Kleinigkeit sein kann und wie schnell man Dinge möglicherweise herbeigeführt haben könnte, die man nicht bedachte. Ich dachte, es liegt daran, dass ich in diesem Verständnis der Welt gefangen bin, dass der Mensch nicht fähig ist, sie auch nur in Bruchstücken zu überschauen, dass alles zu groß und komplex für den menschlichen Geist ist, dass wir nichts wissen, oft nicht einmal, dass wir nichts wissen. Bei dem Versuch, mein Mindset insoweit zu verändern, dass die Welt einfacher sei, überschaubarer, ohne Geheimnisse und ohne Überraschungen, habe ich mitunter gezaubert ohne es zu wollen, habe gedacht, dass dies oder das schade ist, dass etwas wieder so sein soll oder diesmal etwas anders, so veränderte es sich, nicht so wie ich es wollte, nein, aber fast augenblicklich nach diesem Gedanken und ich kann nicht sagen, ob die Häufung eines Zufalls ist oder einfach nur die Verschiebung meiner Betrachtungsweise,  aber dieser leise Zweifel blieb, dass ich durch bloße Gedanken zauberte, ohne dass das gewollt gewesen wäre. Mit den Tagen wurde ich ausgelaugter und ausgelaugter und wusste nicht weshalb. Mit der Überlegung, woher das kommt, geriet ich wieder in meine alte Betrachtungsweise, dass die Welt immer anders sein wird als das, was ich in ihr sehe und innerhalb eines Tages (und mit der Hilfe der Erdungstechniken, die ich auch davor bereits ausführte) ging es mir wieder gut.

Ich möchte hier weder für Willenssätze plädieren, noch sagen, dass Fux‘ Technik fehleranfällig ist, ich möchte in den Raum werfen, dass das Bein, dass uns manchmal gestellt wird, unser eigenes sein könnte und die Anregung geben auf gerade dieses zu schauen, wenn scheinbar unerklärlich mal wieder  etwas schief geht.

Aus der eigenen Haut schlüpfen

-oder: Wie man eine Arbeit schafft, bei der man über 20 Minuten an einem Titel sitzen und doch nichts Gescheites aus den Windungen seines Hirns fischen wird.

Wahrscheinlich ist jedem bewusst, dass Musik die eigene Stimmung beeinflusst; wahrscheinlich ist auch jedem bewusst, dass man während man sich im Tanzen verliert, tiefer in sich hören und auch Gedanken tiefer in sich setzen kann. Mir persönlich war nicht immer bewusst, dass ich durch Tanz und Musik, die mich in die entsprechende Stimmung versetzt, auch leichter Gedanken oder Gefühle aus mir lösen, nein, besser: Kurzzeitig begraben kann. Ich möchte damit nicht ausdrücken, dass es ratsam oder gar gesund ist, Gefühle in sich zu begraben [Ich bin nicht euer Psychologe.], nur manchmal muss man funktionieren, selbst kurz nach einem Verlust oder einer Trennung oder bei der Betrachtung kommender Dinge, die einen zwangsläufig überrollen werden, egal wie verzweifelt man gegen sie ankämpft oder wie teilnahmslos man dreinblickt und dabei kann es hilfreich sein.

Die Grundidee ist ziemlich einfach, die genutzten Motive sind wie immer austauschbar.

Erst einmal musste ich für mich herausfinden, was genau mich so quält, es auf einen Grundgedanken herunterbrechen. Ich bezweifle, dass ich bisher den Kern getroffen habe, aber es schreit in mir nichts ‘Kalt!’ und das ist für mich in dieser Arbeit ausreichend. Danach suchte ich mir ein Lied, dass für mich genau an diesem Grundgedanken kratzt. [Selbstverständlich ist jeder andere Sinneseindruck genauso gut geeignet.]

Ich setzte mir Kopfhörer auf, stellte dieses Lied auf Endlosschleife und tanzte, schrie stumm die aussagekräftigsten Textzeilen mit und visualisierte, wie statt der Stimme, die ‘Energie’, die in diesem Grundgedanken steckt, aus mir fließt, bzw durch jede Pore meiner Haut dringt und in ein vorgemerktes Areal oder einen bereitgelegten Gegenstand fließt.

Diese ‘Energie’ kann im zweiten Schritt für andere Arbeiten genutzt werden, bspw kann aus ihr ein ‘Wesen’ mit einer bestimmten Funktion erschaffen werden oder sich wieder einverleibt werden, um mit dem eigentlichen Problem auf ganz natürliche Weise fertig zu werden.