Wie bleibt man Chaoist?

Wenn ich darauf angesprochen wurde, was denn mein Glaubenssystem sei oder gar, dass es unerlässlich sei, an diesem zu arbeiten, reagiere ich in der Vergangenheit mit Unverständnis. Ich behauptete dann, dass ich ein solches für mein magisches Tun nicht benötige. Schließlich proklamierte ich stets die Unfähigkeit der Menschen, über Transzendentes Aussagen zu treffen. Die Welt bleibt, wie sie ist, egal von welcher Seite ich sie betrachte. Nur können diese Betrachtungsweisen eben Hilfsmittel sein. Aufgrund dieser Überzeugung war es für mich notwendig (und zum Teil erdend), Paradigmen zu wechseln. Ich wollte frei sein, nicht eingefahren in ein System, nicht stur, nicht wertend und intolerant. Nicht elitär. Ich möchte noch jetzt frei sein und doch führten mir einige Geschehnisse den Spiegel vor die Augen. Ein Freund meinte mir gegenüber, dass ich ‚die Beeinflussungsversuche‘ unterlassen solle. Es kränkte mich weniger, dass er glaubte, ich würde ihm gegenüber von ihm beschriebene Techniken verwenden. Was an mir nagte, war seine implizite Annahme, ich würde überhaupt besagte Techniken verwenden. Bald darauf erschien ein Podcast (Pagan Chaos Magic episode 28), der mich vollends ins zweifeln brachte, ob das hier alles noch meine Welt ist. In meinem Lieblingsforum (Magie-com) ignoriere ich schon seit einiger Zeit Leute, die beispielsweise behaupten, mit Engeln oder Dämonen zu arbeiten, ein Otherkin zu sein oder lehrmeistermäßig über Energiearbeit, Planetenmagie oder gar die Kombination von beidem schwadronieren. Darüber hatte ich bis dahin nicht reflektiert.Ich bin mir selbst jetzt nicht sicher, ob ich die Themen ignoriere oder die Menschen. Doch wenn ich mir meine Arbeiten der letzten Monate durchschaue, sehe ich eine Tendenz. Glaube ich tatsächlich noch daran, dass magische Praktiken außerhalb meiner Psyche wirken könnten? Wurde mir nicht bereits vor diesem möglichen Wandel gesagt, dass meine Arbeiten nach Verhaltenstherapie aussehen? Tendierte ich folglich schon länger oder gar immer zum psychologischem Modell von Magie? In Ermangelung einer Antwort auf diese Fragen, drehen sich meine Gedanken um andere Magier, wie ihr Weg scheinbar war. Ich erinnere mich an einen Chaoisten, der sich noch immer als solcher bezeichnet, aber im Grunde nur damit beschäftigt ist, fleißig sein Ego aufzulösen mit angeblich einigen anderen, die sich ebenso noch als Chaoisten sehen; dabei äußert er zu gern Floskeln wie „Vor acht Jahren sah ich das genauso wie du“ und scheint sein Gegenüber immerzu bekehren zu wollen, indem er z.B. Zuneigung durch Kundalinienergie zu erklären versucht. Ich denke an einen Magier, der von der Welt desillusioniert scheint. Ich halte ihn für einen Nihilisten, der sich nur noch mit anderen Chaoten abgibt, um sie straucheln zu sehen und ab und an, wenn jemand als würdig genug scheint, lenkend einzugreifen. Ich denke an eine Getriebene, von der ich glaube, dass sie sich einfach nicht festlegen möchte, weder in der Magie, noch im Berufsleben, nicht was Beziehungen angeht, oder das Bett. Wenn sie irgendwann ihre Ecke gefunden hat, wird sie sich dann noch Chaoist nennen? Ich frage mich, ob wir nicht alle ein wenig sind wie sie. Wir gehen in Coven und lassen uns dort ausbilden oder machen aus dem Inhalt von Kinderbüchern eigene Paradigmen, aber legen uns doch nicht wirklich fest. Oder tun wir genau das doch? Ist chaosmagisches Vorgehen eine Entscheidung oder die Reise hin zu einer Entscheidung?

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